„Nur mit Nummer“
Hildegard
„Mensch Hilli, du bist wirklich eine Nummer“, meinte meine Freundin Gudrun, als ich ihr von meinem Vorhaben, mich in einer Fernsehshow zu präsentieren, berichtete. „Meine Güte, hat diese Frau Pfeffer im Hintern“, murmelte Guddi vor sich hin, während sie beide Hände über den Kopf zusammenschlug. Ich rechne es ihr hoch an, dass sie sich mir gegenüber noch nie genervt zeigte - selbst damals nicht, als ich sie bat mich für zwei Wochen unter Selbstkostenbeteiligung nach Long Island zu begleiten. Auch diesmal war es eine Selbstverständlichkeit, unter Freundinnen natürlich, mich nach Dortmund zum Aufnahme- Studio zu chauffieren.
Durch die Annonce einer Agentur wurde ich auf eine bis mir dahin unbekannteShow, welche bereits seit einiger Zeit den Sender tv-nrw bereichert, aufmerksam. Mehr oder weniger Talentierte bekommen in Michael Koslars Show „Nur mit Nummer“ die einzigartige Chance, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Natürlich mit dem Hintergrund, „entdeckt“ zu werden. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, für Michael zumindest, auf welche Weise das bundesweite Publikum ins Staunen versetzt wird. Ob nun Gesangsübungen, halbnackttänzerische Darbietungen, paradoxe Parodien, umhauende Bildhauerarbeiten oder Hantelschwingungen life aufgezeichnet werden, dem Zuschauer wird´s nahegebracht. Innerhalb der vierminütigen „Vorführzeit“ dürfen Talente und solche die es werden wollen, ihre Begabungen, Geschicke und besondere Fertigkeiten zum Besten geben. Echt bemerkenswert, was sich manch einer angesichts der Kamera so zutraut bzw. traut. Was aber keines falls ironisch gemeint, lediglich als Folgerung aus Albert-oh´s Gesichtsausdruck schließt.
Also Albert ist ja wohl die originelle Nummer, in der Nummer. Körpergröße dividiert durch Haarlänge multipliziert mit Bauch, Beine mal zur Seite genommen, ergibt garantiert nur eine Wurzel. Nichts desto trotz, Albert ist ein Schatz, genauso wie sein Freund Michael. Für meine Begriffe zeichnet ein tiefgründiges, dunkles Augenpaar Herrn Koslar ganz besonders aus. Schon allein deshalb, weil seine darin reflektierende gute Seele beruhigende Ausstrahlung ins Freie projiziert. Genauer gesagt ins Studio. Nur leider funktionierte das nicht bei mir.
Übernervös gestand ich dem Meister meine innere Unruhe, wobei ich ihn bat die Vorlesung meiner siebenzeiligen Halloween-Geschichte zu übernehmen. Schließlich wollte ich mir durch Stottern nicht den Sprung in eine beginnende Karriere vermasseln. Für Herrn Koslar absolut Ehrensache; mit Rücksicht auf meine zittrigen Hände trug er künstlerisch betont, oder betont künstlerisch die kleine Erzählung vor. Natürlich erst als ich an der Reihe war. „Die Zwölf bitte zu Herrn Koslar“, krähte es an mein Ohr, die numerische Reihenfolge nahm also unaufhaltsam ihren Lauf. Gerade noch tanzte sich eine kleine Brasilianerin nach lauwarmen Sambarhythmen einen Heißen, saß ich im nächsten Moment schon neben Michael. Wie im richtigen Show-Leben.
So was kannte ich nur vom Fernsehen und nun war ich selbst dabei. Also, wie bereits erwähnt, übernahm Michael die Vorlesung der gegen meine Verwandtschaft gerichteten Halloween-Geschichte. Ach wie dankbar ich diesem gutaussehenden jungen Mann doch war, küssen hätte ich ihn können. Leider habe ich mich nicht getraut, was ich im Nachhinein sehr bereue und Michael sicherlich auch. Mit der einen und anderen von mir kreierten Lebensphilosophie durfte ich letztendlich meine schriftstellerischen Qualitäten unterstreichen, danach war mein erster und bestimmt auch letzter Auftritt in einer Fernsehshow beendet.
Zum Schluss ein Abschiedsfoto für die Pinnwand, geschossen von Albert und „Auf Wiedersehen“. Da es bekanntlich meistens anders kommt als man denkt, bewies auch dieser aufregende Abend. Aus irgendwelchen unerwarteten Umständen hatte die Agentur meine Freundin zwischenzeitlich geheuert, sich in der Show von Albert „frisieren“ zu lassen. Klarer Fall dass diese „Nummer“ eine Show-Einlage darstellte, nach dem Motto „öfter mal was Verrücktes“. Zu jeder Narretei bereit, stellte sich Guddi dem Albert zur Verfügung. Das heißt, Klein-Albert sollte Guddi die nicht ganz naturroten Locken in Form bringen. Ich konnte es kaum fassen, beim Verlassen des Studioraumes blieb mein ausschweifender Blick an haargelackten aufrechtstehenden Haarbüscheln kleben. Gudrun hielt doch wahrhaftig Albert den Kopf hin, welcher sich lustvoll an ihm zu schaffen machte. Ohne dass ich etwas während meiner Darbietung davon bemerkte, fingerte er die ganze über an meiner Freundins Haarpracht herum. Happyends wurde das Kunstwerk allerdings von einem angehenden Profi-Friseur aus Dortmund fertiggestellt. Gudrun gab weder vor dem Show-Spektakel noch nachher preis, dass auch sie eine „Fach-Frau“ ist, was ihr und mir, als ihre Chefin, ungeheuren Spaß machte.
Anhaltend ließen wir auf der Heimfahrt nach Bochum immer wieder „Revue“ passieren und waren uns wieder mal einig, Freundinnen fürs Leben zu bleiben.
