Der Schönheitspunkt
In Insektenhofen, einem kleinen Dorf bei Drohnenhausen, lebte ein Marienkäfer-Mädchen - und wie Mädchen nun mal sind - rotzfrech. Eigentlich war sie nicht nur rotzfrech, eingebildet wir nur was schwirrte sie überall herum wie eine lästige Stubenfliege.
Außerdem war Ottilie, so hieß das kleine Krabbeltierchen, fast so fett wie diese dicken Schmeißfliegen, die keiner leiden kann. Dafür aber wesentlich schöner, was sie auch ganz genau wusste. Nie zierte sie sich von ihrer arrogantesten Seite zu zeigen. Nicht nur dass sie sich ständig mit ihren Artgenossen- und -genossinnen wie blöde wegen ihrer eingebildeten Schönheit herumzankte, blieb sie bei ihrer Aussage die Schönste von allen zu sein. Selbst die Grillen schüttelten schon mit dem Kopf, wie ein kleiner Käfer sich dermaßen viel auf einen Punkt mehr einbilden kann.
Ottilie hatte also das Glück, oder wie immer man es auch nennen mag, über einen Punkt mehr als andere Marienkäferchen auf ihrem Flügel zu verfügen. "Na und", meinte eine Küchenschabe, "soll sie doch, dafür ist viel zu fett für ihr Alter".
Die Blattläuse packten sich sogar schon an den Kopf, wenn Ottilie ihre Flügel spreizte um wieder mal wie verrückt anzugeben. "Ihr seid ja nur neidisch, weil ich so schöne Punkte habe und ihr nicht, ihr schmierigen Läuse".
"Ach ne", meinte Klara, eine mutige Blattlaus, "aber zum Fressen gern haste uns, gell?"
So ging es tagein und tagaus und mit jedem Tag wurde Ottilie ein bischen hochmütiger.
Aber da, plötzlich und vollkommen unerwartet setzte ein Maikäfer aus der Umgebung in Insektenhausen zur Landung an.
Selbstverständlich hatte auch er bereits von der angeberischen Ottilie gehört und wollte das punktschöne Mädel vom Lande aus der Nähe betrachten.
Wie hätte es anders sein können, sie spreizte natürlich sofort ihre Flügel beim Anblick des eleganten Maikäfers.
"Hallo schönes Marienkäferchen, sei gegrüßt. Hmm, was sind denn das für schöne Punkte da auf deinem Rücken?", interessierte sich Ottokar der Maikäfer.
"Och ja, weißt Du", wurde Ottilie plötzlich kleinlaut und verlegen, "das sind halt Marienkäferpunkte die jede Marienkäferin hat". Carlo der Grashüpfer traute seinen Ohren kaum: "Ne so was, unsere Kleine übt sich in Zurückhaltung, das hat die Insektenwelt noch nicht gesehen." "Halt bloß deine zirpende Klappe und mach dich vom Acker Carlo. Hier haste jetzt wirklich nichts verloren." Breitgrinsend zog Carlo ab Richtung Ameisenhaufen, Neuigkeiten zu verbreiten.
"Sag mal, du hübsches Marienkäferchen, darf ich mal sehen was du da hinten an deinem Flügel hast", wollte Ottokar wissen während er immer näher an sie herankrabbelte.
"Wenn du meinen Schönheitspunkt meinst", klapperte Ottilie ganz aufgeregt mit den Flügelchen, "darfst du mal gucken, aber nur gucken."
"Nein wie niedlich, du hast ja wirklich einen Punkt mehr als die anderen Mädels", schielte Ottokar ganz verzückt drein.
Hin und her ging es mit den beiden. Er machte ihr Komplimente wegen ihres Schönheitsflecks und sie ihm wegen seiner anschaulichen Größe.
Klarer Fall, dass sie später heiraten mussten, bei so viel Sympathie füreinander.
Noch lange sprach man bis nach Drohnenhausen von dem insektenreichsten Hochzeitsfest aller Zeiten.
Es dauerte nicht lange, da kamen auch schon ihre Kinder zur Welt wie sie hübscher im Insektenreich nicht sein konnten. Statt Punkte schmückten doch tatsächlich Striche ihre Flügelchen - welch ein Wunder. Aber das Verwunderlichste - eines von ihnen hatte ein Strich mehr als die anderen.
