Obwohl sich Seehunde in ihrem nassen Zuhause wie zuhause, also pudelwohl fühlen, gehen sie ab und an doch recht gern an Land.
Zu einer Zeit, als es noch Seehunde gab wie Sand am Meer, ereignete sich folgendes Begebenheit:
Einmal im Jahr wurde am Sylter-Strand ein großes Seehundsfest gefeiert. Seehunde von Nah und Fern trafen sich auf der allseits beliebten Nordseeinsel, das traditionelle Robben-Fest zu feiern. Von überall kamen die possierlichen Säugetierchen her, ihre Unterwasserwelt-Erlebnisse auszutauschen. Noch während der Vorbereitungsarbeiten fürs Fest ereignete sich immer wieder der gleiche Vorfall. Helgoländer Krabben versuchten sich unbemerkt unterzumischen, wobei sie überhaupt nicht daran dachten die Anordnung zu befolgen, dem Seehund-Fest fern zu bleiben.
Oft genug kam es vor, dass im Getümmel die eine oder andere Krabbe platt gerobbt wurde. Aus diesem Grunde erließ der Bürgermeister von Sylt ein Gesetz, welches den Helgoländer Krabben zum eigenen Schutze dienen sollte.
Nach Paragraf Vier der Nordseekrabbenverordnung war es den Krabben erlaubt, sich nur noch an offiziellen Festtagen und in der Hauptsaison der Insel nähern, um frisch gepult auf den Tellern zu landen. Des Weiteren sah das Gesetz vor, einschleichende Krabben und aufdringlichen Mollusken unter Gewahrsam zu nehmen und vom Polizei-Krabben-Kutter in die Heimat bringen zu lassen - mit einem Verweis und Meeres-Punkten in Flensburg.
Das alljährliche Strandfest löste natürlich besonderes Interesse bei den Touristen aus, welche ebenso wie die Krabben während der Feierlichkeiten dem Strand fern zu bleiben hatten. Die Bestimmung nach Paragraf Fünf der Nordseekrabbenverordnung, ebenfalls festgelegt durch den Bürgermeister, sah dies so vor. Schließlich sollte die Sylter Geschäfts-Mannschaft auch so richtig was (Gewinnbringendes) vom Fest haben und die Seehunde ganz unter sich sein dürfen.
Tage vor dem eigentlichen Fest begannen die Seehunde mit den Vorbereitungsarbeiten. Da wurde gerobbt was das Fell hielt und natürlich auch ans leibliche Wohl gedacht. Familie Hundsrobbe ließ es sich nicht nehmen für eine süffige Nordseewasser-Bowle zu sorgen, die sehr beliebt war bei den kleinen Robben, da man auf Zugabe von Alkohohl verzichtete. Nach einem überlieferten Rezept rührte Frau Hundsrobbe die Bowle an, wobei sie sehr darauf bedacht war, dass ihr niemand über den Rücken schaute. In Seehundskreisen munkelte man sogar über das geheimnisvollste Rezept aller Zeiten, weil immer noch nicht durchgedrungen war, dass Frau Hundsrobbe ein paar Spritzer Kielwasser zufügte.
Na ja, und wie im richtigen Leben hatten die Großen alle Flossen voll zu tun, während die Kleinen im Sand tummelten und nach Muscheln suchten. Eine Möwe, die das bunte Treiben aus der Nähe schon eine zeitlang beliebäugelte, schien offensichtlich Gefallen an klein Rudirob gefunden zu haben. Immer wieder schwirrte sie um seinen Kopf herum und krächzte aus vollem Schnabel: „Na du, willst du auch ein Silber-Fischchen?“ „Ja, natürlich“, antwortet Rudi, „aber nur wenn es ein Hering ist. Am liebsten mag ich aber Dorsch. Und Sardinen, und Stinte und Plattfische“. „Poh“, meckerte die Möwe, „bist du aber verfressen“, und zog von dannen – nach Wangerooge, wo sie herkam.
Endlich war es dann soweit, die Feier kam so richtig in Schwung. Der Robben-Älteste eröffnete mit einem röhrenden Aufschrei das Fest und begrüßte vor allem die Gäste von den Dänischen Inseln und die jungen Seehundswelpen der deutschen Ostseeküsten. Dass sie sich küssten (der Älteste die blutjungen Weibchen)war ein Beitrag zur Tradition, ebenso das Schlagen mit den Flossen.
Gerührt, beinahe überwältigt vom Robben-Brauch feuerten die Feriengäste sich gegenseitig an, mit Rum auf das gelungene Seehunds-Fest anzustoßen. Und wenn sie nicht gestorben sind…
Nee Moment - noch heute flüstern die Nordseewellen die Geschichte vom hochprozentigen Rum-Fest auf der Insel Sylt, wo man unzählige Rum-Buddeln im Sand am Strand verbuddelte. Irgendwann nahm das Meer sie mit, um sie später als leere Flaschen-Pfand-Post zurückzubringen...
Hildegard Grygierek
25.10.2005
