Dafür dass der Herbst wie wild die Blätter durch die Gegend pustet war er ja schon immer bekannt, aber klirrend kalte Nächte wollte ihm eigentlich so keiner recht nachsagen. Natürlich zeigte er sich schon mal hier und da ziemlich eisig von seiner farbenprächtigen Seite, doch nur um dem Winter zu imponieren. Und der war nun viel zu schlau um sich mit dem Herbst zu zanken, denn er würde ja eh eintreffen. Trotzdem machte er sich jedes Jahr einen Spaß daraus, besonders dem goldenen Oktober eins auszuwischen. Somit legte er über die schönen warmen Farben einen silbrigglänzenden Hauch, worüber der Herbst sich maßlos ärgerte. Manchmal sogar so doll, dass er mit Sturmstärke "zehn" alle Blätter davon pustete.
Simon lag schon im Bett und ließ sich von Papa noch eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen, als sich ein merkwürdiges Geräusch am Fenster bemerkbar machte. Papa schaute gleich nach, um sein erschrockenes Söhnchen zu beruhigen. "Der Herbst hält aber mächtig pausbackig Einzug" äußerte er sich über die kräftigen Sturmböen. "Wenn das so weitergeht, müssen wir bald den Kamin anmachen. Wenn Du willst, können wir ja morgen im Wald noch etwas Holz holen. Ich glaube wir bekommen einen strengen Winter! Nun aber Gute Nacht und schlaf schön."
Simon ging gerne mit Papa in den Wald, er liebte die geheimnisvolle Atmosphäre die von den knorrigen Ästen der uralten Bäume ausging. Die anderen Kinder wunderten sich sehr über Simon, weil niemand gern durch den dunklen Wald wandelte und erst recht nicht freiwillig. Man erzählte Geschichten über einen dort seit Jahrhunderten lebenden Greis. Silberne Haut sollte er haben und ein silbernes Cape. Haare lang und schneeweiß bis auf den Boden und Finger aus Eiszapfen. Im Sommer suchte er Schutz in der tief im Wald gelegenen Tropfsteinhöhle, die gleichzeitig sein Versteck war. Simon gehörte zu den besonders mutigen Kindern im Dorf und hätte ja so gerne dem alten Mann die eisige Hand geschüttelt. "Finger aus Eiszapfen", amüsierte er sich, "ich stelle mir vor wie er am Daumen lutscht."
Und so kam es, dass Simon mit seinem Vater im Wald Holz einsammelte. "Wir müssen zurück, Simon, es wird bald dunkel." "Kannst ja schon mal vorgehen, Papa, ich komme ganz bestimmt gleich nach. Ich will nur noch mal nach der Eule sehen. Sie hat mir so komisch zugezwinkert." "Ach, Simon, Du bist ein Träumer. Gut, aber bleibe nicht solange, Mama sorgt sich schrecklich, du weißt ja." Kaum war Vater aus dem Sichtfeld, machte sich Simon querfeldein. Auf einmal sah er etwas Helles, Glitzerndes. Er erschrak, wollte weglaufen, wollte stehen bleiben, wollte nach Papa rufen und ....wollte nur noch draufzugehen. Immer heller und kälter wurde es, jeh mehr er sich näherte und......... "Na, mein Junge. Willst Du mich besuchen?" Simon wäre beinahe in Ohnmacht gefallen, aber als er in die leuchtenden Kristallaugen eines altes Mannes schaute, wusste er dass ihm keine Gefahr drohte. "Wer bist Du? Warum hast Du Kristallaugen und tatsächlich, Du hast Finger aus Eiszapfen?!" Der alte Mann setzte sich auf den kalten Waldboden und erzählte dem Jungen seine Lebensgeschichte. "Ich leiste dem Winter schon seit Jahrhunderten meine Dienste, indem ich den Schnee verzaubere. Und damit auch die Kinder, die ihn so sehr lieben."
"Wie du verzauberst den Schnee? Was tust du denn?" fragte Simon völlig verwirrt. "Ja glaubst du denn, mein Kleiner? Der Schnee fällt nicht automatisch weiß auf die Welt! Ich bin es, der ihm Form und Farbe gibt." Simon traute seiner Wahrnehmung nicht, er war tatsächlich dem Schnee-Mann begegnet. "Wenn du Schnee strahlend weiß machen kannst und Schneeflocken die wunderschöne Sternenform gibst, was passiert wenn deine viele Mühe wegschmilzt? Bist Du dann nicht traurig?" "Nein, dann geht der Winter um wiederzukommen und ich verschwinde in meine Höhle um Sommerschlaf zu halten." Simon fuhr zusammen, "du liebe Güte, ich muss nach Hause. Meine Eltern sorgen sich bestimmt schon. Darf ich morgen wieder zu Dir kommen und du erzählst mir von deiner Arbeit als Schnee-Mann?" "Ja natürlich und grüße Deine Eltern und Freunde von mir. Sag ihnen ich werde sie bald mit strahlend weißem Schnee erfreuen."
"Guten Morgen Simon, aufstehen, du musst zur Schule." Simon schlug die Augen auf und traute ihnen kaum. Mama stand an seinem Bett. "Mama, habe ich das alles etwa nur geträumt?" "Was hast du denn Schönes geträumt, mein Junge. Du hast ja eiskalte Finger? Und deine Augen glitzern wie Kristalle. Na, das muss aber ein zauberhafter Traum gewesen sein, meinte Mama, "wenn ich als Kind vom Schnee-Mann träumte, hatte ich auch immer so kalte Finger".
Hildegard Grygierek
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Märchen
Märchen vom "richtigen Schneemann"
